Camillo Golgi (7. Juli 1843 - 21. Januar 1926)

Ein Forscher unter Forschenden

golgi

Camillo Golgi ist einer jener Wissenschaftler, deren Name jeder Medizinstudierende kennt, ohne die Person dahinter wirklich zu greifen. Geboren 1843 im norditalienischen Corteno – das heute zu seinen Ehren Corteno Golgi heißt – studierte er Medizin in Pavia und wandte sich früh der Erforschung des Nervensystems zu. Den Großteil seines Berufslebens verbrachte er dort als Pathologe, Lehrer und später sogar als Rektor der Universität.

Seine wohl berühmteste Leistung begann unter denkbar einfachen Bedingungen: in einem kleinen Labor eines Krankenhauses für chronisch Kranke in Abbiategrasso, nahe Mailand. Dort entwickelte Golgi 1873 die „reazione nera“, die Schwarze Reaktion – eine Silberimprägnationsmethode, mit der sich einzelne Nervenzellen mitsamt ihren feinen Fortsätzen dunkel vor hellem Hintergrund darstellen ließen. Diese Färbetechnik machte erstmals die komplexe Architektur des Nervengewebes sichtbar und eröffnete der jungen Neurowissenschaft eine völlig neue Dimension.

Mit derselben Leidenschaft für Präparate entdeckte Golgi 1898 in Zellen eine netzartige Struktur aus übereinandergelagerten Membranzisternen, die er „apparato reticolare interno“ nannte – der später nach ihm benannte Golgi-Apparat. Dass aus einem histologischen Detail eines Tages ein zentrales Organell der Zellbiologie werden würde, konnte er damals kaum ahnen. Heute ist der Golgi-Apparat aus Lehrbüchern nicht wegzudenken: Er steht sinnbildlich für Sortierung, Modifikation und Versand von Proteinen in der eukaryotischen Zelle.

Spannend ist, dass Golgi in der großen Debatte um die Organisation des Nervensystems auf der „verlierenden“ Seite stand. Während sein spanischer Kollege Santiago Ramón y Cajal die Neuronentheorie vertrat, glaubte Golgi an ein zusammenhängendes, netzartiges Syncytium. Ironischerweise nutzte Cajal genau Golgis Färbemethode, um zu zeigen, dass das Nervensystem aus einzelnen, diskreten Nervenzellen aufgebaut ist – ein klassisches Beispiel dafür, wie dieselbe Technik zu gegensätzlichen Interpretationen führen kann.

1906 erhielten Golgi und Cajal gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „in Anerkennung ihrer Arbeiten über die Struktur des Nervensystems“. Golgi blieb bis zu seinem Tod 1926 in Pavia wissenschaftlich und akademisch aktiv und prägte Generationen von Ärztinnen und Ärzten. Dass heute so viele Strukturen seinen Namen tragen – von den Golgi-Zellen über den Golgi-Sehnenrezeptor bis zum Golgi-Apparat – spiegelt nicht nur sein beeindruckendes Werk wider, sondern auch eine Epoche, in der ein gutes histologisches Präparat tatsächlich ein „Bergwerk“ an Erkenntnissen sein konnte.